Inflationäres Finishing – Gedanken zu Fake-Fässern und boomenden Geschäftsmodellen
In der Welt der Spirituosen erlebt das Thema Finishing seit Jahren einen regelrechten Boom. Grundsätzlich ist dagegen nichts einzuwenden – wenn es richtig gemacht wird. Eine lange, saubere Vorbelegung über mehrere Jahre hinweg kann einem Fass Tiefe, Charakter und Authentizität verleihen. Doch genau hier beginnt das Problem.
Wenn Vorbelegung zum Marketinginstrument wird
Die Nachfrage nach perfekt aussehenden, technisch einwandfreien Fässern mit möglichst spektakulärer Geschichte ist enorm. Kunden wünschen sich am liebsten ein 30 Jahre altes Fass, vorgelegt mit Portwein, Sherry oder Cognac – idealerweise sofort verfügbar. In der Praxis ist das jedoch kaum realisierbar.
Denn: Solche Fässer existieren schlicht nicht in den benötigten Mengen. Dennoch hat sich aus diesem Wunschdenken ein Geschäftsmodell entwickelt. Vorbelegung wird zur Ware, Geschichte zum Verkaufsargument – oft ohne reale Substanz.
Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis
Ich möchte das an einem konkreten Fall erläutern, den ich derzeit selbst erlebe: der Suche nach Fässern aus einer Belegung mit Pineau des Charentes.
Pineau des Charentes ist kein klassisch vergorener Wein, sondern ein sogenannter Likörwein. Er entsteht durch die sogenannte Mutage: Frischer, unvergorener Traubenmost wird mit jungem Cognac (Weinbrand) versetzt, wodurch die Gärung sofort unterbunden wird. Der natürliche Zucker des Mostes bleibt erhalten, während der Alkoholgehalt deutlich ansteigt. Erst nach dieser Assemblage reift Pineau des Charentes über einen längeren Zeitraum – traditionell oxidativ in gebrauchten Cognac-Fässern aus französischer oder europäischer Eiche. Diese Fässer sind somit kein austauschbares Nebenprodukt, sondern ein integraler Bestandteil des Stils, der Aromatik und der Authentizität des Erzeugnisses.
Pineau des Charentes Fässer 1 Den Auftrag zur Auslieferung erhielt ich bereits im Sommer 2025, mit Liefertermin Februar 2026. Der Kunde wünschte 450-Liter-Fässer. Pineau des Charentes ist eine regionale Spezialität aus dem Südwesten Frankreichs, deren Herstellung traditionell auf mehrjährig belegten Cognac-Fässern basiert. Erst nach dieser Reifephase wird Traubenmost zugesetzt und das Produkt assembliert.
Dieses Erzeugnis ist in etwa mit Sherry vergleichbar – wenn überhaupt. Es handelt sich um eine Spezialität mit begrenzter Produktion, keinesfalls um ein Produkt für den großflächigen Lebensmitteleinzelhandel oder Discount.
Ich fand schließlich eine kleine Anzahl passender Fässer: gelagert in einem alten, feuchten Keller, technisch jedoch in einem Zustand, der eine vollständige Überarbeitung jedes einzelnen Fasses erforderlich macht. Der Preis? Hoch – vielleicht sogar überbewertet. Doch der Besitzer wusste um die Originalität seiner Ware.
Das Gegenmodell: industrielle Vorbelegung
Parallel dazu existieren große Kellereien und Bodegas, vor allem in Frankreich und Spanien, die aus der Fassvorbelegung ein industrielles Modell gemacht haben. Sie kaufen LKW-weise gebrauchte Rotweinfässer – gerne aus Regionen wie Rioja, wo diese in großen Mengen anfallen.
Diese Fässer werden dann für wenige Wochen mit Brandy, Sherry, Portwein oder Madeira befüllt und anschließend als „original vorgelegte Fässer“ verkauft. Dokumentationen fehlen meist vollständig. Ob und wie lange eine echte Vorbelegung stattfand, lässt sich kaum nachvollziehen. Auch gesetzliche Vorgaben zu Mindestlagerzeiten – etwa bei Cognac oder Portwein – werden dabei häufig ignoriert.
Über Broker gelangen diese Fässer weltweit an Brennereien und Destillen. Dort dienen sie vor allem einem Zweck: Storytelling. Die Fassgeschichte wird wichtiger als das tatsächliche sensorische Ergebnis.
Qualität braucht Wissen – und Geduld
Es gibt sie noch, die Betriebe, die sich bewusst und erfolgreich hochpreisig am Markt positionieren. Sie wählen ihre Zutaten – einschließlich der Fässer – mit großer Sorgfalt aus und verlassen sich nicht ausschließlich auf Rechnungen oder gesetzliche Mindestangaben ihrer Vorlieferanten.
Leider fehlt es in vielen Fällen an Ausbildung und Fachwissen. So wissen nur wenige Anwender, wie stark sich Portweine oder Sherrys in ihren jeweiligen Kategorien unterscheiden. Besonders beim Sherry ist die sensorische Bandbreite groß – und wird dennoch oft nicht erkannt oder genutzt.
Gute Fässer sind selten – und bleiben es auch
Zurück zur Ausgangsfrage: wirklich gute, nachhaltig vorgelegte Fässer sind rar. Und sie sind teuer. Daran wird sich auch künftig nichts ändern – unabhängig von der aktuell angespannten Marktsituation.
Der Markt bereinigt sich derzeit spürbar. Viele Anbieter von Fake-Fässern verschwinden von selbst. Übrigbleiben werden jene Fässer mit echter, langer Vorbelegung. Sie werden wieder zur Besonderheit – so, wie es einem guten Finish im Fass auch gebührt.
Woran erkennt man ein echtes Fass?
Ein wichtiger Indikator ist eine nachvollziehbare „Lebensgeschichte“ des Fasses. Wenn diese vorhanden und belegbar ist, spricht das für Authentizität.
Noch entscheidender ist jedoch die Sensorik. Ein Fass muss gerochen, geprüft und bewertet werden. Eine gründliche Aromaprüfung steht aus meiner Sicht über jeder schriftlichen Vorgeschichte.
Ein weiteres Merkmal:
Ein gut vorgelegtes Fass wiegt etwa 10 % mehr als ein vergleichbares neues Fass.
Und schließlich sollte immer die Plausibilität der Holzart geprüft werden: Ein Bourbon-Fass mit einmaliger Vorbelegung besteht immer aus amerikanischer Eiche. Ein Cognac-Fass ist traditionell aus französischer oder europäischer Eiche – niemals aus amerikanischer.
Wer diese Grundlagen beachtet, wird echte Qualität erkennen – und sich nicht von schönen Geschichten blenden lassen.
Vorbelegte Fässer